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| Kuschelpädagogik, Sittenzerfall und lahmende Wirtschaft: | 2008-03-31 | Die 68er sind keineswegs schuld an allem Übel der Gegenwart, wie immer wieder behauptet wird.
Das Etikett «68er» geriet in den letzten Jahren zum Schimpfwort zum Kampfbegriff in der politischen Debatte. In den drei Monaten vor den National- und Ständeratswahlen tauchten die 68er in über 220 Artikeln der Schweizer Presse auf. Der Grund: Die politische Rechte sieht zahlreiche Missstände in der multikulturellen, liberalen Gesellschaft von heute, an denen die Bewegung von 1968 die Schuld trage. Der Generalvorwurf: Die 68er hätten die stabilen Verhältnisse zerstört. Wirklich? Zum 40. Geburtsjahr der 68er überprüft die SonntagsZeitung die gängigen Vorwürfe.
VERANTWORTUNGSLOSIGKEIT
«Das Motto der 68er war: Ich! Alles! Sofort!?. Das ist der Grund für die Anspruchsmentalität, die heute unseren Staat überfordert.»
SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli
«Es gibt kein richtiges Leben im falschen», hatte der Philosoph Theodor W. Adorno als 68er-Idol doziert. Er wollte damit sagen, dass es nicht reicht, ja unmöglich ist, als Individuum ein erfülltes Leben zu führen, wenn nicht auch die Gesellschaft verändert wird. Der schnelle Konsum muss also unbefriedigend bleiben; die 68er waren Konsumkritiker: Wolfgang F. Haug prägte den Begriff der «Warenästhetik» und kritisierte den Konsum als Ersatz für ein erfülltes Leben. «Ich, alles, sofort» ist kein 68er-Motto, sondern eines der Jugendbewegung von 1980. «Aber subito!», hiess das dann.
FAMILIENZERRÜTTUNG
«Man kann zerrieben werden von den Anforderungen einer gewissen 68er-Ideologie, wenn man meint, so locker Beruf und Kinder unter einen Hut bringen zu können.»
Susanne Hänni, Hausfrauengewerkschafterin
Das traditionelle Familienmodell ist seit 1968 zerfallen: Die Scheidungsrate stieg von damals 15 auf 52 Prozent, vorher war sie 20 Jahre stabil. Die Zahl der jährlich von Scheidungen betroffenen Kinder hat sich verdreifacht, die Geburtenrate annähernd halbiert. 1970 waren drei Viertel aller Schweizerinnen in Paarhaushalten Hausfrauen, 2000 noch 37 Prozent.
Als Bewegung trugen die 68er zur Auflösung dieses Familienmodells bei. Vor allem, weil sie der Frauenbewegung wichtige Impulse gab. Massgebend waren jedoch auch die Einführung der Pille und die Veränderung der Arbeitswelt auf Grund der Globalisierung. Umstritten ist die Bewertung dieser Entwicklung. Kinder erleiden mehr Scheidungserlebnisse, bekommen aber gemäss neuesten Studien von der Fremdbetreuung in Krippen positive Impulse. Frauen verwirklichen sich in der Erwerbsarbeit, dafür erfüllen sich weniger Kinderwünsche. Die Schweiz leidet deshalb unter Überalterung und muss dies mit Zuwanderung ausgleichen.
BILDUNGSMISERE
«Im Bildungswesen haben die 68er ihre eigene Faulheit zum Programm erhoben. Das Resultat: Leistungsverweigerung, Vernachlässigung von Tugenden wie Fleiss, Zuverlässigkeit oder Disziplin.» SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli
In der Schweiz gibt es keine Vergleiche von Schülerleistungen, die bis 1968 zurückgehen. Doch im 68er-Mutterland USA nehmen die Schulleistungen seit 1971 stetig zu, erklärt der Leiter des Instituts für Bildungsevaluation an der Uni Zürich Urs Moser. Eine Bundesstudie von 2006 zeigt, dass Menschen, die vor 1968 in die Schule gingen, beim Lesen und Rechnen schlechter abschneiden als Jüngere. Ein historischer Vergleich von Maturaufsätzen seit 1880 von Linguisitk-Professor Peter Sieber belegt, dass Anforderungen und Leistungen heute höher sind ? und die Rechtschreibung auch früher nicht über alle Zweifel erhaben war.
Gescheitert ist die 68er-Vision der Bildungsgleichheit. Die Pisa-Studie 2000 zeigte deutlich: Trotz enormen Ausgaben bestimmt heute noch immer die Herkunft stark über die Schulleistung.
SITTENZERFALL
«Viele Kinder heute haben Hardcoreporno als Aufklärung. Die 68er haben das als sexuelle Befreiung angesehen.»
Abtprimas Notker Wolf, Oberhaupt der Benediktiner
Die «sexuelle Befreiung» erhielt ihre entscheidenden Impulse von der 68er-Bewegung. Sie kämpfte gegen die Tabuisierung der Sexualität in der Partnerschaft und der Öffentlichkeit und gegen die Unterdrückung von Konkubinat und Homosexualität. Hier setzten sich die 68er mit der Liberalisierung der Gesetze und der Lockerung der Zensur auf ganzer Linie durch.
Allerdings ermöglichte dies eine gewaltige Welle der Kommerzialisierung von Sexualität. Heute sehen allein via Internet jede Sekunde knapp 30 000 Menschen Pornografie. Der Umsatz der Pornobranche wird auf weit über 20 Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt. Die Verfügbarkeit für Kinder ist wesentlich höher, und Auswüchse wie Kinderpornografie oder sexuelle Gewalt gerieten in die Schlagzeilen. Selbst gestandene 68er wie Alice Schwarzer sehen die damaligen Forderungen heute kritisch.
VERSTÄNDNISWAHN
«Bei denen, die 68 gross wurden, herrscht noch immer beliebiger Verständniswahn: für jeden Sexualstraftäter, jeden Asylbetrüger, jeden afrikanischen Drogenhändler.»
Kai Diekmann, Chefredaktor «Bild-Zeitung»
Ob Einwanderer ohne Berufsqualifikation oder Verbrecher mit frühkindlichem Trauma: Gemäss den Idealen der 68er lassen sich alle Opfer der Gesellschaft therapieren und integrieren. Dieses Angebot erzeugte seine Nachfrage. Seit 1990 schwoll die Zahl der IV-Rentner ? bald fast die Hälfte mit psychischen Behinderungen ? von 160 000 auf 300 000 an. Die Zahl der Sozialfälle in der Stadt Zürich, wo mit Monika Stocker eine 68erin die landesweite Sozialpolitik prägte, verzehnfachte sich. Mit der Zahl der Opfer explodierte auch jene der Helfer Seit 1980 nahm die Zahl der Studierenden in Psychologie von 3000 auf 7000 zu, jene in Sozialarbeit verzehnfachte sich seit 1998 auf 5000. Die Ausbildungen sind fest in der Hand der 68er. Die Helfer beheben nach ihrem Selbstverständnis die Schäden des globalen Kapitalismus: als «Reparaturkolonne des Staates», wie schon Marx spottete. Auf diesem Wege entstand aber auch eine staatliche «Sozialindustrie». Das trug den 68ern den Vorwurf ein, Eigenverantwortung und Leistungswillen zu untergraben.
WIRTSCHAFTSFEINDLICHKEIT
«Die 68er haben den Leistungswillen verunglimpft, nun bedroht dieser fehlende Ehrgeiz unsere Wirtschaft.»
Otto Ineichen, FDP-Nationalrat
Die 68er kritisierten den Leistungsdruck in den Schulen, viele waren aber selber sehr leistungsbereit und machten Karriere. «Die 68er haben den Leistungswillen nicht untergraben», sagt der Soziologe René Levy. Mit 1659 Jahresarbeitsstunden (2005) gehören die Schweizer nach wie vor zu den Fleissigsten in Westeuropa; Frankreich und Deutschland haben ihre Arbeitszeiten seit 1970 viel stärker reduziert. Und: 1970 arbeiteten in der Schweiz 46 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung, 2000 aber 51 Prozent. Das Leistungsprinzip habe sich seit den Sechzigerjahren sogar ausgeweitet, stellt der Zürcher Soziologie François Höpflinger fest: Es gelte heute auch in der Freizeit, wo der Sport eine enorme Rolle spielt. Die 68er prangerten im übrigen die ungerechte Verteilung des Besitzes und das grenzenlose Wachstum an (in den Sechzigerjahren wuchs die Schweizer Wirtschaft im Durchschnitt 4,8 Prozent): Dass es später einbrach, lag nicht an ihnen, sondern an internationalen Wirtschaftskrisen.
VERSCHWENDUNGSSTAAT
«Die 68er haben den energischen Wettbewerbsstandort Schweiz in ein Wohlfahrts-Ballenberg verwandelt, das sie sich zum Altersheim wattieren.»
Roger Köppel, Herausgeber «Weltwoche»
Die Zeit nach 1990, als die 68er in die politische Verantwortung kamen, seien «Jahre der Verschwendung und Verschuldung», klagt die SVP. Die Zahlen scheinen ihr Recht zu geben: Im Bund stiegen seit 1990 die Ausgaben von 32 auf 52 Milliarden und die Verschuldung von 38 auf 130 Milliarden an. Tragen die 68er die Verantwortung dafür? Die Finanzminister Otto Stich und Kaspar Villiger zählten nicht zu ihnen, aber ihre Bundesratskollegen Ruth Dreifuss und Moritz Leuenberger, in deren Departementen die Ausgaben stark stiegen. Auch Chefbeamte in Schlüsselpositionen wie Ulrich Gygi und Peter Siegenthaler bei den Finanzen sowie Peter Hablützel beim Personal: Als die SPS 1984 darum stritt, ob sie aus dem Bundesrat austreten sollte, kämpften sie dafür, weiter durch die Institutionen zu marschieren also für die eigenen Karrieren. Sie alle trugen aber keine Schuld an der Krise, mit der die Schweiz in den Neunzigerjahren kämpfte: Diese war hausgemacht, von den Banken, die nach dem Immobiliencrash 42 Milliarden abschrieben, und von der Nationalbank, die eine falsche Zinspolitik betrieb.
HEIMATMÜDIGKEIT
«Was die 68er-Generation vereint, ist der Hass auf alles typisch Schweizerische: die dauernde, bewaffnete Neutralität, die Unabhängigkeit und Selbstverantwortung.»
Rinaldo Bucher, SVP International
Die 68er-Bewegung löste eine kritische Auseinandersetzung mit den Helden und Mythen der Schweizer Geschichte aus. Max Frisch, kein 68er, stellte 1971 mit seinem «Wilhelm Tell für die Schule» den Nationalhelden in Frage, der 68er Niklaus Meienberg sorgte mit seiner Reportage über den «Landesverräter Ernst S.» für rote Köpfe in der Aktivdienstgeneration, indem er den Mythos der im Zweiten Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland vereinten Schweiz ankratzte. Die Neutralität wurde von den 68ern nie in Frage gestellt, die Armee zumindest von den Pazifisten unter ihnen schon. Ihre Armeeabschaffungsinitiative erhielt 1989 sensationelle 35 Prozent Ja-Stimmen. Die Verkleinerung der Armee ist eine Folge des Endes des Kalten Krieges; ihre symbolischen Auslandseinsätze wurden vom SVP-Bundesrat Ogi auf internationalen Druck durchgesetzt. Die Annäherung der Schweiz an die EU mittels bilateraler Verträge ist vor allem anderen ein Anliegen der Wirtschaft.
FAZIT
Der Einfluss der 68er wird überschätzt ? im Guten wie im Bösen. |
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